Straßenpädagogik – Das Recht auf Bildung für Kinder und Jugendliche in riskanten Lebenslagen
„Patio 13 – Schule für Straßenkinder“ ist eine internationale Bildungsinitiative der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und der kolumbianischen Lehrerbildung („Escuelas Normales Superiores“), an der namhafte Universitäten in Deutschland (Heidelberg und Freiburg) und in Kolumbien (Universidad de Antioquia, Medellín, und Universidad Externado de Colombia, Bogotá) beteiligt sind.
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Straßenpädagogik – Das Recht auf Bildung für Kinder und Jugendliche in riskanten Lebenslagen

Hartwig Weber

Aus: Waltraud Grillitsch | Florian Kerschbaumer | Christian Oswald | Josefine Scherling (Hrsg.) Kinderrechte – Bildung – Beteiligung Perspektiven aus Theorie und Praxis, Weinheim / Basel 2023

1.      Grenzen des guten Lebens

Was ist Glück? Über diese Frage haben Menschen zu allen Zeiten nachgedacht, Philosophen, Psychologen, Soziologen, Ökonomen, Politiker, vor allem die Unglücklichen unter ihnen; und sie haben dabei unendlich viele Formulierungen gefunden, um das Glück als höchstes Gut im Leben des Menschen und als erstrebenswertesten Zustand zu beschreiben – absolute Harmonie, Gelassenheit, Zufriedenheit, Wunschlosigkeit usw. Es dürfte schwer sein, alle diese Definitionen auf einen Nenner zu bringen, unmöglich ist es jedoch nicht: Glück, so könnte man sagen, ist jener Zustand, dem die Menschen von ganzem Herzen eine möglichst lange, am liebsten eine unbegrenzte Dauer verleihen möchten.

Glück ist also ein Wort für Wohlsein, über dessen Bedingungen jeder einzel- ne für sich selbst entscheiden kann. Es schließt Zufriedenheit, Selbstvertrauen, Anerkennung und Angenommensein ein. Wohlbefinden, das mit der Empfindung zusammenfällt, sich selbst behaupten zu können, aktiv zu sein und sich zu verwirklichen, ist natürlich nicht allein vom Subjekt abhängig, sondern auch von dessen äußerer Lebenslage. Es setzt voraus, dass man seine elementaren Bedürfnisse befriedigen kann. Dies gilt für alle, erst recht für Kinder. Nun sind die Lebensverhältnisse von Kindern und Jugendlichen nicht überall auf der Welt so beschaffen, dass sie ihr Wohlsein fördern, im Gegenteil. Die gegebenen Umstände machen nicht selten ein menschenwürdiges Leben unmöglich. Jedes dritte Kind auf der Welt leidet unter Armut und Mangel am Nötigsten, an Nahrung, sauberem Wasser. Millionen erleiden Gewalt und Krieg, Vertreibung und Flucht. Die Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder. Nachdem sie ihre Heimat verloren haben, erwartet sie ein unsicheres Leben in Lagern und Behelfsunterkünften. Milizen, Guerilleros und Paramilitärs rekrutieren Minderjährige zu Hunderttausenden. In vielen Entwicklungsländern ist gefährliche und ausbeuterische Kinderarbeit eine Alltagserscheinung. In Bergwerken, Plantagen, Haushalten von Wohlhabenden, Feuerwerksfabriken oder Teppichknüpfereien verrichten Minderjährige geistestötende und gefährliche Arbeiten. Mädchen und Jungen, die sich prostituieren müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, bleiben meist im Verborgenen (vgl. Weber/Sierra Jaramillo 2013). Viele Familien, die in extremer Armut leben, können ihre Kinder nicht ernähren; sie müssen sie weggeben oder gar „verkaufen“. Der kriminelle Handel mit Kindern, ihre Verschleppung und Versklavung hat weltweit erschütternde Ausmaße angenommen. Aus Afrika ist zu hören, dass Aidswaisen häufig als vermeintliche Boten des Unheils verstoßen oder gleich getötet werden. Weltweit sind Millionen Kinder in Gefängnissen eingesperrt.

2.      Straßenpädagogik: Verwirklichungschancen in prekären Lebenslagen

Das Elend, dem viele Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind, steht in eklatantem Widerspruch zu dem, was ihnen eigentlich zusteht, nämlich ein humanes Leben führen zu können. Dieses Recht ist ihnen im Auftrag der Menschlichkeit zugesprochen worden: Am 20. November 1989 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen das „Übereinkommen über die Rechte des Kindes“ feierlich verkündet – ein Höhepunkt in der Geschichte der Kindheit, der Menschenrechte und der Zivilisation. Wie die Dinge nun einmal stehen, kommt der Kinderrechtskonvention mit ihrer Betonung des Menschenrechts auf Bildung für alle eine große Bedeutung zu. Sie formuliert eine an alle Staaten gerichtete Herausforderung und ist ein Aufruf an die Regierungen der Länder der Welt, die nur dann glaubwürdig bleiben können, wenn sie sich ernsthaft bemühen, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass alle jungen Menschen, auch die am Rande der Gesellschaft, in den Genuss ihrer Rechte kommen. Die dafür notwendigen Schritte und Weichenstellungen können durchaus Schritt um Schritt umgesetzt werden (vgl. Lohrenscheit 2013).

Dort wo die Diskrepanz zwischen Rechtstheorie und Rechtswirklichkeit am größten ist – im Straßenmilieu, wo Kinder und Jugendliche obdachlos und ohne Perspektiven ihr Leben fristen –, ist der eigentliche Ort der Straßenpädagogik. Hier nimmt sie ihren Ausgangspunkt und findet ihr Betätigungsfeld. Motiviert vom Skandal der zwar zugesagten, aber keineswegs eingelösten Rechte auf ein humanes Dasein, bietet sie lebensdienliche Orientierungshilfen und macht Bildungsangebote, die die Lebenssituationen der Betroffenen und ihre Zukunftsperspektiven verbessern helfen. Der straßenpädagogische Weg von der Theorie zur Praxis der Rechte von Kindern und Jugendlichen in prekären Lebenslagen ist lang und steinig. Man braucht dafür eine genaue Situationsanalyse, eine gute Planung, Phantasie und einen langen Atem. Um den Blick dafür zu schärfen, was in dieser Situation notwendig und möglich ist, steht ein Hilfsmittel zur Orientierung bereit. Es ist der Fähigkeitenansatz („capability approach“) von Amartya Sen (vgl. z. B. Sen 2010) und Martha Nussbaum (vgl. Wikibooks 2018; Nussbaum 2000, S. 88; Nussbaum 1999a, S. 49 f.) – eine Art „kosmopolitischer Menschenrechtsansatz“ (vgl. Hahn 2009, S. 120 ff.). Sen und Nussbaum betonen beide, dass es um der Gerechtigkeit willen nicht ausreicht, die dem Menschen von Natur aus gegebenen Fähigkeiten („capabilities“) zu proklamieren; vielmehr müssen die realen Zustände („Funktionsweisen“, „functionings“), besonders diejenigen, die der Einlösung der Rechte entgegenstehen, berücksichtigt und gegebenenfalls verändert werden.

Mit Fähigkeiten oder Befähigungen sind Chancen und Handlungsmöglich- keiten gemeint, also all das, was eine Person sein oder tun kann. Um soziale Gerechtigkeit herzustellen, müssen die Bedingungen zu ihrer Verwirklichung gegeben sein. Menschen geht es gut und sie fühlen sich wohl, wenn sie die Freiheit haben, die aufgrund ihrer Würde vorhandenen Wirkungsmöglichkeiten auszuschöpfen und ihre von Natur gegebenen Fähigkeiten zu verwirklichen. Dabei sind nicht nur Ressourcen (etwa das Bruttoinlandsprodukt oder das Pro-Kopf- Einkommen) ausschlaggebend; was wirklich zählt, sind die tatsächlichen Fähigkeiten und wirklichen Handlungsmöglichkeiten.

Um zu verdeutlichen, wie Autonomie und Wohlsein als Rechte von jedermann Wirklichkeit werden können, hat Martha Nussbaum die menschlichen Wesensmerkmale mit realen Grundbedingungen konfrontiert, die für ein menschenwürdiges Leben unabdingbar sind. So kann sie diejenigen Fähigkeiten benennen, die die Voraussetzung für ein Leben in Würde sind. Aus Gründen der Gerechtigkeit sind diese Verwirklichungschancen universell gültig, für Reiche wie auch für Arme; jedermann kann seine Ansprüche daraus ableiten. Allerdings spielt dabei in jedem Einzelfall der gesellschaftliche Kontext des Betroffenen eine wichtige Rolle. Martha Nussbaums „functionings“ und „capabilities“ eignen sich bestens dafür, Informationen über die Lebensqualität von Menschen auf der Straße und über Phänomene wie Armut und Ungleichheit in ihrer Diskrepanz zu einem guten Leben zu erheben.

Die Ausrichtung an allgemeingültigen Werten bei gleichzeitigem Blick auf die jeweilige konkrete Situation macht den Theorieansatz von Amartya Sen und Martha Nussbaum für die Bildungsarbeit auf der Straße wertvoll und nützlich. Straßenpädagogik orientiert sich an den allgemein gültigen Bestimmungsfaktoren für ein gelingendes Leben und bezieht sie auf die Wirklichkeit der Straße. Über welche Ressourcen verfügen Menschen im Straßenmilieu? Welche Lebensweisen sind ihnen dadurch zugänglich, welche verschlossen? Wie haben sie ihre Wünsche und Fähigkeiten an die gegebenen Lebensumstände angepasst? Welche Optionen z. B. im Blick auf Gesundheit, Bildung oder Teilhabe nehmen sie in Anspruch, welche nicht? So kommen lebensweltorientierte Themen, aktuelle Situationen und authentische Verhältnisse in den Blick, die z. B. Freude und Schmerz, Vorstellungen und Denken, soziale Kontakte, Liebe und Beziehungen, Lebensplanung, Lachen, Humor und Selbstbestimmung usw. betreffen.

Martha Nussbaum hat zehn für alle Menschen gültige Grundbedingungen des Lebens ermittelt. Bezogen auf die Lebenslagen von Jungen und Mädchen im Milieu der Straße erscheinen diese Wesensmerkmale in besonderem Licht. An zweien von ihnen soll hier die straßenpädagogische Operationalisierung beispielhaft verdeutlicht werden. Als erste Grundbedingung kann das Leben („selbst lebendig zu sein“) gelten, das in Einheit mit körperlicher Unversehrtheit, Spiel- und Bindungsfähigkeit, praktischer Vernunft und der Fähigkeit steht, eine gewisse Kontrolle über die eigene Umwelt zu haben1. Was menschliches Leben grundlegend ausmacht, sind „Sterblichkeit und Abneigung gegenüber dem Tod“. Als Voraussetzung für Wohlergehen nennt Martha Nussbaum die Befähigung, „ein volles Menschen- leben bis zum Ende zu führen“ (Nussbaum 1999b, S. 102 ff.). Alle Menschen sind sterblich und haben eine Abneigung gegenüber dem Tod. Häufiger aber, als unter normalen Lebensbedingungen, haben Straßenbewohner den Tod vor Augen. Sie leiden unter der Unsicherheit und der Todesgefahr, der sie jeden Tag und jede Nacht ausgesetzt sind. Das eigene Ende, das unmittelbar bevorstehen könnte, beeinträchtigt alle Aspekte ihres Lebens. Wenn sie unter dem Verlust von Beziehungen leiden und den Tod von Freunden oder Familienangehörigen betrauern, empfinden sie nicht weniger Kummer als Menschen in besseren Lebenslagen. So leben sie im Hier und Jetzt, die Zukunft schert sie meist wenig. Genuss und Liebe sind auf den gegenwärtigen Augenblick bezogen.

Die zweite Grundbedingung menschlichen Lebens ist nach Martha Nuss- baum die Körperlichkeit als Voraussetzung, Erfahrungen zu machen; sie schließt das Bedürfnis nach Essen, Trinken und Schutz; sexuelles Verlangen sowie die Fähigkeit und das Bedürfnis nach Mobilität ein. Als entsprechende Befähigung nennt sie bei guter Gesundheit leben (dazu gehören angemessene Ernährung, Unterkunft, sexuelle Befriedigung, Mobilität) (Nussbaum 1999a, S. 49 ff.). Kinder und Jugendliche der Straße leben – wie alle Menschen – in einem Körper. Schutzlosigkeit und Verletzlichkeit erfahren sie jedoch unmittelbarer, unausweichlicher und häufiger als die meisten Gleichaltrigen. Wie anderen Menschen, so ist ihnen der eigene Körper Heimat; aber es ist eine bedrohte Heimat.2 Wer auf der Straße überleben will, braucht körperliche Geschicklichkeit und Kräfte, die vor Gefahren schützen und aus Notsituationen retten können. Körperliche Stärke zu entwickeln, ist für Straßenbewohner überlebenswichtig. Gleichzeitig aber mangelt es ihnen an der Möglichkeit, ihren Körper durch gute und ausreichende Ernährung gesund zu halten. Es ist mühsam, oft sogar unmöglich, sich vor Kälte und Regen zu schützen und vor Krankheiten zu bewahren. Straßenbewohner leben häufig ohne Dach über dem Kopf. Ohne Behausung ist ihr Körper schutzlos der Gewalt anderer Menschen und der Natur ausgeliefert. Mangel kompensieren sie mit Drogenkonsum, der dem Überleben nur vorläufig nützt, in Wirklichkeit und auf längere Sicht Körper und Geist zerstört. Die Straße ist ein öffentlicher Raum. Straßenbewohner können sich nicht ins Private zurückziehen. Für sie ist die Straße der Ort, wo sie schlafen, essen, spielen, miteinander sexuell verkehren

  1. vgl. zum Thema Verwirklichungschancen/Grundbefähigungen: Wikibooks (2018) und Otto/Ziegler (2019).
  2. vgl. zum Folgenden das Fernstudienprogramm „Bildung für Kinder und Jugendliche in riskanten Lebenssituationen/Straßenpädagogik“, Kurs 4, www.strassenpaedagogik.de (Ab- frage: 22.02.2022).


und ihre Notdurft verrichten. Dort lieben sie sich, spontan, intensiv und ohne an ein Morgen zu denken. Meist sind ihre Beziehungen flüchtig. Der Körper ist die Instanz, in der sich das Bedürfnis zu essen und zu trinken regt.

Straßenpädagogen kommen in der Regel aus einer Welt, in der Hunger und Durst ihre Schrecken verloren haben. Leicht übersehen sie die Dringlichkeit, mit der auf der Straße die Versorgung mit Nahrung zum Hauptinhalt der Alltagsplanung werden kann. Genauso wenig wie andere Menschen sind dort die Kinder und Jugendliche gerne hungrig oder durstig. Aber sie haben mehr Mühe als ihre besser situierten AltersgenossInnen, um dieses Verlangen zu stillen. Die Schutzlosigkeit des Körpers in der Welt wird angesichts der täglichen Entbehrungen, Gewalt und Kälte zur permanenten Herausforderung.

Mit diesen Überlegungen, die, angeregt von Martha Nussbaum und Amartya Sen, die Grundbedingungen menschlichen Lebens mit konkreten Bestimmungsfaktoren konfrontieren, öffnet sich ein weiter Horizont, in dem die Straßenpädagogik Themen, Problemstellungen, Situationen und Verhältnisse in den Blick nehmen kann, die im Kontakt mit Betroffenen, im Gespräch mit ihnen, in praktischen Orientierungshilfen und gemeinsamen Projekten eine entscheidende Rolle spielen. Auf dieser Grundlage werden Handlungsziele formuliert, die der Straßenpädagogik theoretische und praktische Anleitungen und Hilfestellung bei der Auswahl, Formulierung und Begründung von praktischen Initiativen geben. (Weitere acht Dimensionen, in denen Martha Nussbaum die menschlichen Grundrechte und Verwirklichungschancen zueinander in Beziehung setzt, müssen hier unberücksichtigt bleiben Sie werden im vierten Kurs des E-Learning-Programms Straßenpädagogik, der eine Konzeption der Straßenpädagogik entfaltet, ausführlich dargestellt).3

3.      Patio13: Straßenpädagogik verwirklicht Kinderrechte

Die Umsetzung der proklamierten Rechte in die Wirklichkeit von Kindern am Rand der Gesellschaft ist nicht nur Sache von Staaten und Regierungen, sondern auch Aufgabe von Institutionen und engagierten Freiwilligen; denn die Menschenrechte sind nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten (Assmann 2018). Tatsächlich gibt es viele Personen, die mit ihren Aktivitäten, Maßnahmen und Projekten dafür einstehen und im Kampf für dieses Ziel Verantwortung übernehmen. Der Verwirklichung von Kinderrechten widmet sich z. B. das deutsch- kolumbianische Bildungsprojekt Patio13 – Schule für Straßenkinder. Gegründet wurde das Projekt im Jahr 2000 vom Verfasser dieser Zeilen und der Don Bosco-Schwester Sor Sara Sierra Jaramillo. Im Rahmen des internationalen Projekts kooperieren Hochschulen und Universitäten in Deutschland (Heidelberg,

Freiburg, Mannheim) mit Universitäten und Lehrerbildungseinrichtungen in Kolumbien (Escuela Normal Superior María Auxiliadora, Universidad de Antioquia, Medellín).4

Ziel des Projekts ist es, Kindern und Jugendlichen, die auf der Straße leben, eine Grundbildung zu vermitteln, um sie in die Lage zu versetzen, ein selbstbestimmtes und gesichertes Leben als vollwertige Mitglieder ihrer Gesellschaft zu führen. Dafür wurden eigens eine Didaktik und Methodik entwickelt, die den besonderen Erfahrungen und Fähigkeiten, Interessen und Defiziten von Kindern und Jugendlichen entsprechen, die auf der Straße leben und arbeiten.

Patio13 setzt dort an, wo das pädagogische Know-How eines Landes konzentriert ist, in Schulen, Lehrerbildungseinrichtungen und Universitäten. Lehrerinnen, Studentinnen und Professorinnen werden motiviert, die Straße als pädagogisches Notstandsgebiet und als Herausforderung zu erkennen – eine Aufgabe, die sie aus politischen und humanitären Gründen auch persönlich angeht. Deshalb gehen Pädagogikstudenten und zukünftige Lehrerinnen auf die Straße und arbeiten im Zentrum der Millionenstadt Medellín mit Kindern und Jugendlichen, die dort leben und arbeiten. Gleichzeitig bietet das integrative Projekt, das Lehre wie Forschung, Theorie wie Praxis einschließt, auch deutschen Pädagogikstudenten, Lehrern, und Sozialarbeitern Informationen und straßenpädagogische Anregungen. Sie lernen, didaktische Materialien und Initiativen im Straßenmilieu selbst zu entwickeln und einzusetzen (vgl. Weber/Sierra Jaramillo 2003). Kinder und Jugendliche der Straße werden ermutigt, die unterbrochene Schullaufbahn wieder aufzunehmen; sie erkennen, dass damit ihre Chance auf ein menschenwürdiges Leben und eine selbstbestimmte Zukunft steht und fällt.

Die Erfahrungen und Ergebnisse des Projekts Patio13 in Kolumbien werden auch auf andere Länder übertragen. Angeregt durch Patio13 hat die Escuela Nor- mal Superior in Copacabana (Medellín) als Modell für die Lehrerbildung den Schwerpunkt Straßenpädagogik in ihren Lehrplan integriert. Vom Projekt gehen Impulse aus, die nicht nur in die Schule, sondern auch in die Kinder- und Jugendarbeit sowie in die Erwachsenenbildung hineinwirken und Bewusstseinsbildung in den Themenfeldern Arm und Reich, Verantwortung für die Eine Welt, Globalisierung und Bildung als Menschenrecht bewirken. In diesem Zusammenhang werden eigene audiovisuelle Medien, didaktische Materialien sowie methodische Anregungen und Handreichungen erarbeitet, erprobt und publiziert.5

Um die seit Jahrzehnten im Straßenmilieu gewonnenen Erfahrungen weiter- zugeben, wurde im Projekt Patio13 das zweijährige Fernstudium Bildung für Kin- der und Jugendliche in riskanten Lebenslagen/Straßenpädagogik in einer spanisch- sprachigen und einer deutschen Version entwickelt. Es qualifiziert Interessierte,

  • Ausführliche Informationen unter www.patio13.de (Abfrage: 28.02.2022).
  • vgl. Der Straßenkinder-Weltreport: strassenkinderreport.de/startseite.php (Abfrage: 22.02.2022).

Mitarbeiter sozialer Einrichtungen und Studenten verschiedener Fächer für die Bildungsarbeit mit gesellschaftlich randständigen jungen Menschen. Das Programm wird von der Universität Heidelberg (Abteilung Wissenschaftliche Weiterbildung) angeboten. In sechs inhaltlich aufeinander aufbauenden Kursen werden Lebensschicksale von Straßenkindern, jungen Flüchtlingen, Kindersoldaten, Mädchen in der Prostitution und minderjährigen Müttern vorgestellt. Themen wie Armut, Exklusion und globale Gerechtigkeit werden behandelt und einfache Methoden der Forschung im Straßenmilieu vermittelt.6

Die Bildungsinitiative Patio13 wie ihr Fernstudienprogramm Bildung für Kinder und Jugendliche in riskanten Lebenssituationen/Straßenpädagogik verfolgen die Intention, die Menschenrechte praktisch umzusetzen und die Verwirklichungschancen von Kindern und Jugendlichen am Rand der Gesellschaft zu verbessern. Dabei sind folgende Überzeugungen und Ziele handlungsleitend (vgl. Weber/Sierra Jaramillo 2013):

  • Straßenpädagogische Bildungsangebote sollen Kinder und Jugendliche befähigen, über sich selbst und ihre Lebenssituation, über ihre Weltanschauung und ihre Stellung in der Gesellschaft nachzudenken („Wer bin ich?“ „Woher komme ich?“ „Wo will ich hin?“).
    • Es gehört zu den Grundüberzeugungen der Straßenpädagogik, dass randständige und vom gesellschaftlichen Leben weithin ausgeschlossene Kinder und Jugendliche trotz Einschränkung und Bedrohung fähig sind, sich als Individuen mit je eigenem Wert zu verstehen. Straßenpädagogen treten für dieses Recht ein und helfen den Betroffenen, selbst dafür zu kämpfen.
    • Kinder und Jugendliche auf der Straße lernen, die Gründe und die Folgen von Vernachlässigung, Vertreibung und Obdachlosigkeit, deren Opfer sie geworden sind, zu verstehen und zu benennen.
    • Die jungen Menschen lernen, ihre Gefühle bewusst und verständlich auszudrücken. Sie werden fähig, Trauer, Schmerz oder Freude bei anderen wahrzunehmen und empathisch darauf zu reagieren.
    • Sie werden ermutigt, dauerhafte Beziehungen einzugehen und anderen Menschen offen zu zeigen, was sie für sie empfinden. So gelingt es ihnen, Anerkennung auszudrücken, aber auch Anerkennung für sich selbst einzufordern. Sie werden befähigt, anderen Achtung entgegenzubringen und zu zeigen, dass sie auch selbst geachtet werden wollen. Sie lernen, Konfliktsituationen gewaltfrei zu regeln.
  • Weitere Informationen: Zum Thema Straßenpädagogik: www.strassenschule.de (Ab- frage: 28.02.2022); zum E-Learning-Programm: www.strassenpaedagogik.de (Abfrage: 28.02.2022); Immatrikulation zum Studium: www.uni-heidelberg.de/wisswb/paedagogik/ strassenpaedagogik/index.html (Abfrage: 28.02.2022).
  • Sie lernen zu verstehen, was Freundschaft fördert und was sie beeinträchtigt. Aus diesem Wissen ziehen sie Schlüsse für ihre Lebenspraxis.
  • Schritt um Schritt entdecken sie ihre eigenen kreativen Fähigkeiten und verstehen es auch, sie anzuwenden. Ihr Selbstvertrauen wächst, so dass sie ihren Phantasien offen Ausdruck zu geben vermögen.
  • Sie werden dazu angeleitet, realistische Zukunftsperspektiven zu entwickeln und den einmal gefassten Lebensplan auch zu verteidigen.
  • Sie lernen Aufschluss zu geben über moralische Fragen im eigenen Leben wie in der Gesellschaft.
  • Sie lernen die Verpflichtung aller Menschen kennen, Natur, Pflanzen und Tiere zu pflegen, und sie kommen dieser Forderung so weit wie möglich auch in der eigenen Lebenswelt nach.
  • Sie erwerben Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten in den Bereichen Muttersprache, Mathematik, Naturwissenschaften, Kunst und Lebenskunde.
  • Sie lernen, zwischen gesunder und ungesunder Ernährung zu unterscheiden, kennen die auf der Straße verbreiteten Krankheiten, deren Verursachung und Symptome, und sie erfahren, welche Maßnahmen zu deren Verhinderung zu ergreifen sind.
  • Sie erfahren mehr über die Bedeutung von Sexualität und deren mögliche Folgen. Sie lernen Mittel der Verhütung kennen und erfahren, wie man sie anwendet.
  • Sie werden ermutigt, Räume des Spiels, der Entspannung und des Humors im Alltag zu nutzen.

Literaturverzeichnis

Assmann, Aleida (2018): Menschenrechte und Menschenpflichten. Schlüsselbegriffe für eine humane Gesellschaft. Wien: Picus Verlag.

Hahn, Henning (2009): Globale Gerechtigkeit. Eine philosophische Einführung. Frankfurt am Main und New York: Campus Verlag.

Lohrenscheit, Claudia (2013): Das Menschenrecht auf Bildung. www.bpb.de/themen/bildung/ zukunftbildung/156819/das-menschenrecht-auf-bildung/ (Abfrage: 28.02.2022).

Nussbaum, Martha C. (1999a): Der aristotelische Sozialdemokratismus. In: Herlinde Pauer-Studer (Hrsg.): Gerechtigkeit oder Das gute Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 24–85.

Nussbaum, Martha C. (1999b): Die Natur des Menschen, seine Fähigkeiten und Tätigkeiten: Aristoteles über die distributive Aufgabe des Staates. In: Herlinde Pauder-Studer (Hrsg.): Gerechtigkeit oder Das gute Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 86–130.

Nussbaum, Martha C. (2000): Women and Human Development. The Capabilities Approach. Cambridge u. a.: Cambridge Univ. Press.

Otto, Hans-Uwe/Ziegler, Holger (2019): Capability Approach. www.staatslexikon-online.de/Lexikon/ Capability_Approach (Abfrage: 28.02.2022).

Patio13. Schule für Strassenkinder (o. J.). www.patio13.de (Abfrage: 28.02.2022).

Sen, Amartya (2010): Die Idee der Gerechtigkeit. München: Beck Verlag. Das E-Learning Programm Straßenpädagogik (o. J.). www.strassenpaedagogik.de (Abfrage: 28.02.2022).

Straßenkinderreport. Zur Lage der Kinder in der Welt (o. J.). www.strassenkinderreport.de/startseite. php (Abfrage: 28.02.2022).

Straßenpädagogik (o. J.). www.strassenschule.de (Abfrage: 28.02.2022).

Universität Heidelberg (o. J.): Wissenschaftliche Weiterbildung – Straßenpädagogik. www.uni- heidelberg.de/wisswb/paedagogik/strassenpaedagogik/index.html (Abfrage: 28.02.2022).

Weber, Hartwig/Sierra Jaramillo, Sara (2013): Bildung gegen den Strich. Lebensort Straße als pädagogische Herausforderung. München: Don Bosco Medien.

Weber, Hartwig/Sierra Jaramillo, Sara (2003): Narben auf meiner Haut: Strassenkinder fotografieren sich selbst. Frankfurt am Main: Ed. Büchergilde.

Wikibooks (2018): Verwirklichungschancen/Grundbefähigungen bei Martha Nussbaum. de.wikibooks.

/Verwirklichungschancen/_Grundbef%C3%A4higungen_bei_Martha_Nussbaum (Ab- rage: 28.02.2022).